[[DE] Ana, 2013] Warum? Die Ukraine. Bewußtheit.

Ana Mosevych: Warum? Die Ukraine. Bewußtheit.

„Liebe Ulrike,
vielen Dank für Deinen freundlichen Brief! Und obwohl er nicht direkt an mich adressiert war, fühlte ich mich berufen, darauf zu antworten, denn es ist mir als einer Ukrainerin sehr angenehm zu erkennen, dass das deutsche Volk uns auch unterstützt. Zum Glück wenden sich an mich immer mehr Deutsche, die sagen: Ukrainer, haltet durch! Ihr seid so stark! Wir beneiden Euch! Ihr schafft das! Wir wünschen Euch viel Erfolg! „
Flagge
Das waren meine ersten Zeilen der Antwort auf den Brief von der deutschen Journalistin Ulrike Butmaloiu, die Ukrainer fragt, wie es ihnen geht.
Als ich vor ein paar Tagen begann diese Antwort zu schreiben, wollte ich etwas ganz Anderes mitteilen, hatte aber leider nicht genug Zeit. Aber als ich heute morgen schreckliche Neuigkeit gelesen habe, war mir ganz klar, was ich schreiben sollte.

In der Nacht auf 25. Dezember 2013, wenn Europäer das schöne und fröhliche Fest Weihnachten feiern, wurde die durch Recherche über prominente Politiker wie Wiktor Janukowytsch, Mykola Asarow, Wiktor  Pschonka, Dmytro Firtasch, Witalij Sachartschenko bekannte ukrainische Journalistin Tetjana Tschornowil auf dem Weg nach Hause auf der Boryspiler Autobahn von einem Auto mit Unbekannten verfolgt und von ihnen überfallen.  Unbekannte haben Tetjana unmenschlich brutal geschlagen, ohne ein Wort dabei zu sprechen. Schläge waren in der ersten Linie auf den Kopf und ins Gesicht gezielt. Ihr Gesicht ist jetzt kaum zu erkennen.
Тетяна побита

34-jährige Oppositionsjournalistin, Mutter von zwei Kindern, protestierte immer gegen Ungerechtigkeit, Bestechlichkeit, Gewaltsamkeit des Regimes. Sie war es, die in den 90-er in der Aktion "Ukraine ohne Kutschma" unter Protest gegen die Inhaftierung von Mitgliedern UNA-UNSO zusammen mit ihrer Freundin sich an die Schienen am Bahnhof in Kyiv kettete. Und sie ist es, die heute Tausenden von Ukrainern Wahrheit übermittelt. Bis heute bleibt sie leidenschaftlich treu ihren Prinzipien und ihrer Lebenseinstellung. Die Ukraine und ihr Volk  nehmen festen Platz in ihrem Herzen. Ich bin stolz auf solche Menschen wie Tetjana Tschornowil!
Тетяна Чорновіл

Wenn die Regierung aber versucht, diese Menschen zu entfernen, einzuschüchtern, sie stumm zu machen, zu verfolgen, zu verletzen, kann das niemanden von den durchschnittlichen bewußten Ukrainern kalt lassen. Diese Regierung hat kein Gewissen, kein Schamgefühl, KEINE Gefühle, wenn Ihr erlaubt. Nur das einzige ewigdauernde Gefühl der Unersättlichkeit. Macht und Geld sind zwei Hebel, die sie braucht und mit denen sie das Schicksal mehrerer Millionen Leute besiegelt.
Руки геть выд журналыстыв
Mehr als ein Monat dauern die Proteste, mehr als ein Monat stehen Ukrainer auf dem Maidan. Und dabei wagt die Regierung friedliche Proteste mit Gewalt aufzulösen, friedliche Demonstranten zu inhaftieren, sie zu erpressen, die Ukraine an Russland zu verkaufen, immer mehr bewußte Aktivisten zum Schweigen zu bringen und so weiter und so fort. Und diese Taten scheinen endlos. Aber jetzt ist der richtige Zeitpunkt, alles zu wenden! Die Macht des unwürdigen Regimes zu stoppen! Wir müssen etwas tun!

Die Journalistin Ulrike Butmaloiu fragt, wie es uns geht. Ich persönlich kann keine eindeutige Antwort auf diese Frage geben. Eins kann ich nur sagen: ich will nicht im Land wohnen, wo Freiheit des Wortes, der Meinung, der Presse vernachlässigt wird, wo Leute für die Wahrheit verfolgt, erpresst und verletzt werden. Wir wohnen im XXI. Jahrhundert, nicht zur Zeit der Sowjetunion!

Ich will in einem demokratischen europäischen Staat wohnen, wo der Mensch von der höchsten und größten Geltung ist, wo seine Meinung akzeptiert und für sein Wohl gesorgt wird, wo er vor Gewalt geschützt wird, wo er sich schließlich in Sicherheit fühlt. Wo er sich frei äußern kann und gehört wird. Wo es keinen Platz für Korruption, Fälschungen, Ungerechtigkeit gibt. Wo es keine geschlagenen Kinder, Mütter und ältere Leute gibt. Wo Gerechtigkeit, Frieden und Demokratie herrschen!  Wie können wir so ein Land schaffen? Es kommt nicht von heute auf morgen! Es geschieht kein Wunder! Ja, es ist die Arbeit von mehreren Jahren! Aber mit dem richtigen Führer, mit dem Präsidenten, den wir ehrlich wählen, können wir es schaffen! Schritt für Schritt. Wie ein Baby. Aber genau die ersten Schritte sind am wichtigsten, weil sie entscheidend sind. Davon hängt ab, ob und wie das Baby sich weiterentwickeln wird. Und wie kann ich dazu was beitragen? fragt sich jeder. Ich bin doch ein Tropfen im Ozean. Aber zusammen, Tropfen für Tropfen, bilden wir den Ozean. Ukrainer, wir sind verantwortlich für unsere Zukunft! Lassen wir uns sie zusammen bauen! Für uns, für unsere Kinder und Enkel. Für das Volk. Für die Ukraine.

Wie geht es mir? Zum einen, bin ich wütend, empört über die unwürdigen Taten des Präsidenten und der Regierung. Zum anderen bin ich stolz auf mein Volk, auf mein Land, das nicht aufgibt und solche Willensstärke zeigt. Maidan ist zum nicht wegzudenkenden Teil des nationalen „Ich“ geworden. Solange der Maidan existiert, solange – die Ukraine.

Ruhm der Ukraine!                                                                                                                 

Mit freundlichen Grüßen,                                                                              
Anastasia Mosevych

25. Dezember 2013      

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